Unglaublich, was man als Apple Praktikant verdient. Das Phänomen „Silicon Valley“, Teil 1.

Es ist ein nur knapp einhundert Kilometer langes Tal in Kalifornien, so groß wie das Bundesland Sachsen, hat sieben Millionen Einwohner, darunter 50 000 Deutsche. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt 1,75-mal höher ist als in good old Germany: Im Silicon Valley trifft man auf klangvolle Firmennamen – Amazon, Apple, Atari, Bayer, Bosch, Daimler, Dropbox, Ebay, Facebook, Google, Hewlett-Packard, Instagram, Linked In, Microsoft, Monsanto, Mozilla, SAP, Skype, Spotify, Twitter, den Fahrgastvermittler Uber, Volkswagen und WhatsApp, um nur einmal die hierzulande bekanntesten Unternehmen aufzuzählen. Sie expandieren, innovieren am Puls der Zeit und schreiben Wirtschaftsgeschichte. Es heißt, das Silicon Valley wäre dabei, Hollywood als ultimative Traumfabrik abzulösen.

Was sich hier nun schon seit einigen Jahrzehnten ereignet, ist eine Art neues amerikanisches Wirtschaftswunder. Es herrscht eine Nichts-ist-unmöglich-Mentalität; Scheitern ist ein Ansporn, es das nächste Mal besser zu machen und etwas aus der misslungenen ersten Runde zu lernen. Banken vor Ort gewähren auch jenen Unternehmern einen Kredit, die schon einmal ein Start-Up gegen die Wand gefahren haben. Manchmal sogar eher, als einem völlig unerfahrenen Unternehmer, der noch nie etwas ausprobiert hat.

Einer der Mittelpunkte dieses in vielerlei Hinsicht pulsierend-florierenden Fleckchens Erde, ist die renommierte Standford Universität: Studienort zahlreicher Nobelpreisträger und Brutstätte für die Innovateure von morgen. Der Campus ist so groß, dass Disney World etwa 27-mal hineinpassen würde. Das Gründen von Unternehmen gehört hier irgendwie dazu, wie anderen Ortes der Gang zur Mensa (diese Formulierung stammt nicht von mir, sondern von Philipp Rösler, danke dafür!). Gelebte inspirierende Start-Up-Mentalität; etwas Neues zu beginnen wird als pure Chance gesehen, nicht als Risikounternehmung – und Fehlschläge werden als Lehrmomente interpretiert, nicht als Todesurteil für eine Unternehmung. Mut, Kreativität, Innovationskraft und Schaffensdrang resultieren nicht zuletzt aus der unproblematischen Bürokratie, die mit einer Gründung im Silicon Valley einhergeht. Man wird beinahe automatisch selbständig. Schöne neue Welt. Es wimmelt von Investoren, die magnetisch auf gute Ideen wirken, oder umgekehrt, jedenfalls finden sie spielend leicht zueinander, in der wohl weltweit dynamischsten Gründerszene der Gegenwart. Unausgereifte oder erfolglose Geschäftsideen trägt man im Lebenslauf wie Orden mit sich herum; was zählt ist der „track record“, also echte Erfahrungen mit Geschäftsideen und Unternehmensgründungen – nicht etwa bloßes Interesse oder theoretisches Expertenwissen a la „ich würde mal gerne…“. Es ist durchaus üblich, dass die Erfolgreichen hier den Durchbruch erst nach drei, vier oder sogar fünf Fehlschlägen schaffen. Bis es soweit war, haben sie einfach gelernt. So what? Nobody cares! Wer Erfolg hat, fördert seinerseits die Start-Up-Szene, wodurch ein sich selbst nährendes Netzwerk entsteht, ein dichtgewebtes Sprungtuch, das seine besten Knötchen – und davon gibt es nicht wenige – zielsicher auf den Weltmarkt wirft. BILD Herausgeber Kai Diekmann begab sich selbst für einige Zeit an den Ort, aus dem neun der zehn weltweit erfolgreichsten Digitalunternehmen stammen, um dem Phänomen der sagenhaften Innovationsfreude auf den Grund zu gehen. Auch er beobachtete die schon erwähnten Faktoren des Erfolges: Mut zur Lücke, Risikobereitschaft, ein viel höheres Tempo, wenn es darum geht, Entscheidungen zu fällen und Projekte umzusetzen. Außerdem fiel Diekmann auf, dass der ganze technologische Sektor im Allgemeinen ein höheres Ansehen genießt als in Deutschland.

Vielleicht stehen das typisch deutsche Bedenkentragen und auch die berühmt-berüchtigte Gründlichkeit der Innovationsbegeisterung in unserem Land wirklich mehr im Wege, als man zunächst denken würde. Hier finden sich meist BWLer, die ein Unternehmen gründen und dazu – nach reiflicher Überlegung und Abwägung – noch den einen oder den anderen Geschäftspartner hinzuziehen, der natürlich einen passenden beruflichen Background mitbringen muss. Im Silicon Valley dagegen besteht die Gründerszene aus Ingenieuren und Technikfreaks, Programmieren und Bastlern, häufig sind es aus einer Studienfreundschaft gewachsene Teams, wie zum Beispiel die Jungs um Paypal, die später auch YouTube, LinkedIn und Yelp ins Leben riefen und heute den Spitznamen „Paypal-Mafia“ tragen.
Diekmann berichtet, dass eine Innovation im Valley oft auch nicht erst jahrelang perfektioniert wird; stattdessen gibt man das Produkt unfertig heraus und wartet, was der reale Gebrauch daraus macht, denn schon Steve Jobs verfolgte den Ansatz, dass es reiche, eine Sache zu 85 Prozent zu perfektionieren, den Rest solle man den Usern überlassen – und es funktioniert!

Und noch einen (kulturellen?) Unterschied gibt es zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Denken im Bezug auf Unternehmensgründung, meint der Investment Director Bernhard Gold. Er arbeitete auf beiden Seiten des Teiches für die Deutsche Telekom und behauptet, deutsche Gründer träumten davon, reich zu werden und nie mehr arbeiten zu müssen, während die amerikanischen die Welt erobern wollen. War oder ist man hier mit einem Start-Up erfolgreich, denke man nicht ans Aufhören, sondern gründe gleich das nächste.

Wer fit im Programmieren ist und vielleicht sogar etwas längere Sommerferien hat, die er noch nicht zu verplanen wusste, könnte ja einmal darüber nachdenken, ein bezahltes Praktikum im Valley zu machen; jedenfalls wird kolportiert, dass fähige Trainees von Google mit 7.000 Dollar im Monat belohnt werden, bei Amazon wären es sogar 7.500, während Apple lediglich 6.000 investiert. Wenn man Glück hat, bekommt man bei dem einen oder anderen Unternehmen dann noch 3.500 Dollar Mietzuschuss – alles eine Frage des Verhandlungsgeschicks. Ob’s stimmt, verrät einem natürlich so genau niemand. Klingt jedenfalls nach „Goldrush reloaded“. Der Kampf um Nachwuchs lässt sich eben nicht unbedingt aus der Portokasse bestreiten und man munkelt, dass solche Auswüchse die Start-Ups langsam aber sicher in günstigere Gefilde abdrängen, wie Detroit oder Austin. Ein durchaus ethisch diskutabler Höhepunkt im Wettbewerb um Wettbewerber war wohl das Angebot von Facebook und Apple, die Eizellen ihrer Mitarbeiterinnen auf Unternehmenskosten zu konservieren.

Manchmal treibt das „Höher-Schneller-Weiter“ im Tal der Ahnungsvollen auch skurrile Blüten auf Nebenschauplätzen, wie beispielsweise die Ausgestaltung der Hochzeitsfeierlichkeiten des Napster-Gründers Sean Parker zeigt. Bis der 2013 seine Vorstellung einer perfekten Hochzeitskulisse realisierte, hielt Mitwettbewerber und Google-Gründer Larry Page die Benchmark: Der hatte 2007 eine Karibikinsel gemietet und seine 600 Gäste mit Privatflugzeugen dahin übersetzen lassen. „Kann jeder“, mag sich Parker gedacht haben und ließ kurzerhand eine Filmkulisse nachbauen – ungenehmigt und in unmittelbarer Nähe zu einem Naturschutzgebiet. Egal, diese Feier wird sicherlich nicht nur den Brautleuten, sondern auch den Gästen im Gedächtnis bleiben – und die etwas 2,5 Millionen Dollar Strafe (kaum ein Drittel der insgesamt angefallenen Kosten der Feierlichkeiten im Rahmen der Hochzeit), die Parker im Anschluss zahlen musste, kam zu seiner Freude ja auch wieder der Umwelt zugute, indem sie in ökologische Projekte in der Region floss. Am Ende also – und mit einigem Goodwill betrachtet – eine höchst innovative Art des Engagements für die Umwelt.