Ideenvöllerei per Digital Detox.

Von wegen „Kreativ-Meeting“ und Ideen produzieren von 10 Uhr bis 13 Uhr, auf Teufel komm raus – die meisten Geistesblitze schlagen dann ein, wenn man nicht unbedingt damit rechnet: Archimedis nahm gerade ein Bad, als er auf die Lösung der Frage kam, ob die neue Krone des Königs auch tatsächlich aus reinem Gold angefertigt worden war. Wenn dem nämlich so sein sollte, musste der majestätische Kopfschmuck ja genauso viel Wasser aus einem Gefäß verdrängen, wie ein Goldbarren mit dem gleichen Gewicht! So etwas KANN einem fast nur in der Wanne einfallen!

Laut einer Umfrage des EMNID-Instituts küsst die Muse die meisten Menschen im Gespräch mit Freunden. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, schon mal eine zündende Idee beim Sport gehabt zu haben und auch Musikhören scheint durchaus inspirierend zu wirken. Ein Viertel der Menschen war im Traum mit neuen Gedanken versorgt worden und immerhin 19 Prozent ging es ähnlich wie dem guten, alten Archimedes: Sie hatten in der Dusche kreative Einfälle. Genannt wurden außerdem noch Eingebungen beim Genuss eines herrlich kalten Bieres oder eines guten Glases Wein, sowie beim Beten. Was fällt uns auf? Genau, sehr häufig scheint sich Kreativität dann Bahn zu brechen, wenn wir eigentlich auf etwas ganz anderes konzentriert sind – oder sogar einfach einmal gar nichts tun. Aber wer lässt es im Zeitalter von Dauerdigitalisierung und Smartphone-Abusus schon noch so weit kommen?

Daniel Willingham von der Universität von Virginia veröffentlichte kürzlich in der New York Times die Erkenntnis, dass Handys uns die Langeweile nehmen – so weit, so schlecht. Denn wir brauchen anscheinend genau diesen Zustand, um dem Gehirn eine Pause zu bescheren, in der ein Geistesblitz einschlagen kann. Motto: Keine Auszeit, keine Blitze! Wie beschrieben, schlagen die ja gerne mal bei geistiger Entspannung, also während der beschriebenen Routinearbeiten oder eben beim Sichlangweilen ein. Schauen Sie einmal beim Zugfahren aus dem Fenster! Wenn Sie nicht gerade ein geübter Meditationsmensch sind, der sein Bewusstsein in Windeseile auf ZEN stellen kann, werden Sie es gar nicht verhindern können, dass Ihr Gehirn Sie mit einem Gedankenkarussell belohnt.

Als sie feststellte, dass sie sich beinahe ein Jahrzehnt nicht mehr gelangweilt hatte (nämlich seitdem sie ihr erstes Handy bekommen hatte), entwickelte die amerikanische Journalistin Manoush Zomorodi kurzerhand einen Sechs-Stufen-Plan für sich selbst und ihre Mitmenschen. Mit dessen Hilfe soll es möglich sein, den Handyherausholreflex wieder in den Griff zu bekommen. Es lohnt sich wirklich, es einmal auszuprobieren:

Tag 1: Lassen Sie das Handy in der Tasche, während Sie unterwegs sind. Nein, auch nicht „mal eben kurz nur …“

Tag 2: Heute verzichten Sie darauf, Fotos mit dem Handy zu machen.

Tag 3: Löschen Sie eine App, die Sie besonders häufig nutzen.

Tag 4: Checken Sie weder Mails noch Soziale Netzwerke.

Tag 5: Richten Sie den Blick bewusst auf die Dinge, die Ihnen mit dem Blick auf das Handy entgangen wären; betrachten Sie Ihre Umgebung.

Tag 6: Setzen Sie einen große Topf mit Wasser auf und schauen Sie ihm zu, bis es kocht.

Es mag banal klingen, aber es hat eine große Wirkung. Ich wage zu behaupten, dass es Sie erstaunen wird, wie groß der Handysog ist – oder, wie es das kleine Kind beschrieb, dass ich neulich in einem Café bei einem Gespräch mit seiner Mutter belauschte: „Ich wollte ja gar nicht so lange auf dem Handy spielen, Mami, aber das ist, wie Schlange Kaa – ich konnte einfach nicht mehr weggucken.“

Es ist nicht verwunderlich, dass sogenannte Digital Detox Camps den Nerv unserer durchdigitalisierten Zeit treffen. Die Idee stammt ironischerweise aus dem Ursumpf für mobile Betriebssysteme: Apple und Google bestücken inzwischen gemeinsam über 90 Prozent aller Smartphones weltweit mit Betriebssystemen aus dem Silicon Valley, dem Hauptstandort der amerikanischen IT-Branche. Und längst kommt es auch hierzulande en vogue einfach mal eine „Digitaldiät“ zu machen (meine Assistentin Anika hat sie sich übrigens selbst verordnet und fährt dieses Jahr auf die weitestgehend Handyempfangslose Hallig Langeneeß – wo ich sie schon vor meinem geistigen Auge auf dem letzten Deichzipfel nach Empfangsbalken haschen sehe…)

Auf professionell organisierten Offline-Touren, muss der Informationsjunkie alles, was nur irgendwie digital tickt, in einem „Dekontaminationsraum“ einschließen lassen. Während seines Aufenthaltes darf er sich nicht über Arbeit, Alter, Namen oder Drogen mit den anderen Detox-Willigen austauschen. Das klingt viel mehr nach Strafanstalt, als es eigentlich ist. Denn bei diesen Kuren soll vor allem der Genuss im Vordergrund stehen. Wer beachtet auch seine Ernährung, wenn er „nebenbei“ 24/7 im Internet surft, noch mal schnell eine Mail beantwortet, Facebook ckeckt oder SMS scheibt? Eben! Gleichgültig, ob die Off-Zeit im Kloster stattfindet, in einem kleinen Hideaway, einem Sternerestaurant oder auf einer entlegenen Insel: In Workshops lernt man, seine digitalen Appendixes sinnvoll und effektiv zu benutzen. Und auch Tipps zum Thema „ausgewogene Ernährung“ werden geliefert, weil dies großartigen Einfluss auf das Konzentrationsvermögen und das allgemeine Wohlbefinden hat. Für Zuhause gibt’s im Anschluss noch einen Zehn-Punkte-Plan, den der geläuterte Detoxer idealerweise fest in seinen Alltag außerhalb des netzlosen Exils integriert. So läßt sich nämlich andauernde Produktivität und Zufriedenheit langfristig aufrecht erhalten. Wer neugierig geworden ist, sein User-Verhalten ändern oder einfach nur sein Ändern leben will, wird unter http://thedigitaldetox.de fündig und bekommt vielleicht noch einen Platz im nächsten Offline-Camp.

Übrigens ist die Erkenntnis gar nicht so neu: Das menschliche Gehirn produziert im EEG auffallend viele Alphawellen – wenn es den kreativ unterwegs ist. Das entdeckte Colin Martindale, Professor an der University of Maine, bereits Mitte der 1970 Jahre. Und diese Hirnaktivität gewinnt immer dann an Fahrt, wenn wir die Augen schließen. Schon schließt sich wieder ein Kreis zwischen Kreativität und Entspannung.

Für mich gibt es einen Menschen, der wie kein anderer für analoge Entschleunigung steht: Meine Großmutter, über die ich hier am Ende dieses Artikels erzählen möchte. Sie sagte immer, man würde die wahre Intelligenz eines Menschen an dem erkennen, was er täte, wenn er sich langweile. Mittlerweile verstehe ich immer mehr, was sie eigentlich damit meinte. Und dabei waren Smartphones noch gar kein Bestandteil ihres Weltbildes. Als ich kurz vor ihrem Tod einmal zu ihr sagte, es wäre doch sehr schade, dass sie kein W-Lan habe, meinte sie: „Das kommt gar nicht in Frage, hier steht schon genug rum!“ – in gewisser Hinsicht hatte sie damit vollkommen Recht.