Ihr Wissen ist in 7 Jahren alt!

In 7 Jahren ist Ihr heutiges Wissen alt! Das Phänomen „Silicon Valley“, Teil 2 .

Bei der Häufung der zahlreichen Millionäre und Milliardäre in der Region des Silicon Valleys, ist es angenehm erstaunlich, dass der Reichtum in der Regel nicht zur Schau getragen wird. Abgesehen von dem einen oder anderen extravaganten Event, bleibt er unsichtbar, und es ist eher allgemeines Understatement angesagt. Das man Geld braucht, um sich die Mieten vor Ort leisten zu können, steht fest; angeblich soll es inzwischen Menschen geben, die für einen Zeltplatz im Vorgarten einer der angesagten Bezirken des Valleys 1000 Euro im Monat bezahlen.

Die sonst so typischen Statussymbole, wie dicke, schnelle Luxusautos, Gold, Glitzersteine oder sichtbar teure Modelabels sind im Straßenbild einfach nicht präsent. Viel mehr ähnelt die Kulisse beispielsweise von Palo Alto der einer mittelgroßen deutschen Studentenstadt – wie zum Beispiel Göttingen – mit eventuell ein paar mehr architektonischen, spanisch geprägten Hinguckern. Einige Geschäftsgebäude spiegeln den Charme der 70er, gar nicht so unähnlich manchem Flachdach-Einheitsbauten der Gewerbegebiete im Münchner Süden. Ich habe mal für ein Unternehmen in München gearbeitet, in einem derart hässlichen Gebäude, dass ich ganz erstaunt war, dass z.B. Apple (ok, vor der Planung des neuen Campus, und sie sitzen im benachbarten Cuppertino und nicht in Palo Alto) in einem ebenso unansehnlichen Ding haust. Da hätte man sich vermutlich eher eine iphone-Architekturikone vorgestellt. Und es ist sehr still in Palo Alto, dem kleinen Ort im Zentrum des Geschehens, nicht Großspuriges, nichts Extremes. Dresscode? Fehlanzeige – zumindest, wenn man dabei etwas anderes als T-Shirts und Flipflops im Sinn hat. Downdressing lautet die Devise und es steckt mehr dahinter als ein bloßes Nicht-Auffallen-Wollen: Überflüssigkeiten wie Lippenstiftauftragen oder Blusenbügeln hält einen schließlich von den wirklichen wichtigen Dingen des Lebens ab. Wer Mietpreis bedingt nicht zu weit rausziehen muss, fährt Fahrrad.
Auch, wenn er Millionen in seiner Aktien-Satteltasche hat. Auch hier, im Zweitzweiradsektor funktioniert natürlich alles hightechmäßig und möglichst individualisiert (für mehr Details wenden Sie sich bitte an Jeff Selzer von „Palo Alto Bicycles“, einem Familienunternehmen, das hier seit fast 100 Jahren existiert). Die, die Auto fahren (müssen), sind zumeist mit einem dieser lautlosen Elektroautos von Tesla unterwegs. Irgendwie herrscht im Silicon Valley einfach eine legere Goldgräberstimmung – und das nicht nur für hochspezialisierte Computernerds, Freaks oder die Creme de la Creme der Technologie.

Herrlich „normal“ und auf dem Teppich geblieben, ist auch Sebastian Thrun, der eigentlich aus Solingen stammt. Er ist Ende 40 und war einfach mal ein Professor in Stanford, bevor er dort das geheime Forschungslabor von Google, Google X, aufbaute und leitete, nachdem er mit einem der ersten selbstfahrenden Autos für Furore gesorgt hatte und seinen beiden späteren Vorgesetzten, den Google-Gründern Larry Page und Sergey Brin ins Auge gestochen war. Foreign Policy, ein Politik- und Strategiemagazin aus Washington, kürte 2012 die „100 einflussreichsten Denker der Welt“ und bugsierte Thrun als „weltweit führenden Experten für Robotik und künstliche Intelligenz“ auf keinen geringeren als den vierten Platz ihres Top 100 Rankings. Da hatte der Schnelldenker schon mitverantwortlich gezeichnet für die Realisierung von Google Street View und der viel besprochenen Computerbrille Google Glass.
Wenig später hatte es sich, auf eigenen Wunsch, für Thrun ausgegooglet, es war für ihn an der Zeit, seine (eigene) revolutionäre Mission Wirklichkeit werden zu lassen: Mit „Udacity“ gründete er die erste virtuelle Universität; eine Hochschule für alle, eine Innovation für Bildungssystem, Lehre und Studiengewohnheiten; kurz gesagt und provokant formuliert: Die Demokratisierung des Wissens.
Der Name der Online-Akademie setzt sich zusammen aus dem „U“ für „University“ und dem englischen Begriff „audacity“, was soviel wie Mut oder Kühnheit bedeutet.

Das weltweite Bildungssystem zu ändern, war das kühne Ziel von Sebastian Thrun.
Denn warum sollte es nur wenigen Priviligierten in Wohlstandsländern vorbehalten sein, zu studieren? Entstanden ist der Gedanke aus einer Zufallsbeobachtung: Thrun stellte eine Vorlesung zum Thema „Künstliche Intelligenz“ ins Internet. Zu seiner eigenen Überraschung fand die Veranstaltung innerhalb kürzester Zeit knapp 200.000 internationale Viewer. Wie schön, dass es im Netz keine Überbuchung gibt! Thrun sieht Bildung als ein humanitäres Grundrecht an, im Idealfall so selbstverständlich wie sauberes Wasser, freie Meinungsäußerung und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten. Anfang dieses Jahres zählte Udacity bereits drei Millionen Studenten aus mehr als einhundert Ländern und dazu 120 Mitarbeiter. Das Einzigartige der ersten Online-Universität: Sie baut ihr Bildungsprogramm gemeinsam mit Wirtschaftsunternehmen wie beispielsweise Facebook und Google auf – und auch der Medienkonzern Bertelsmann investierte unlängst einen zweistelligen Millionenbetrag in das Projekt. Seine Dozenten rekrutiert Udacity hauptsächlich aus den genannten Unternehmen; es ist Thrun wichtig, dass es sich bei ihnen um Praktiker handelt, die aktuelles Wissen vermitteln. Nach seiner Überzeugung ist jedes Wissen nach spätestens sieben Jahren überholt und veraltet. Was das über
Lehrstühle aussagen könnte, die hierzulande üblicherweise mehrere Jahrzehnte von ein und derselben Person bekleidet werden, kann sich jetzt jeder selber überlegen. Früher reichte das, was man in seiner Schulzeit und während des Studiums lernte für die gesamte weitere berufliche Existenz aus, heute muss man eben ein Leben lang neu-, um- und weiterlernen.

Noch ist Udacity eine technische Universität mit Kursen wie Statistik, Webprogrammierung, künstliche Intelligenz, Big-Data-Analyse und Informationstechnologie; in Planung sind Business und Entrepreneurship. Der Master in Informatik, den die Uni in Zusammenarbeit mit dem Georgia Institute of Technology anbietet, kostet bei Udacity etwa 7.000 Dollar – zum Vergleich: An anderen Universitäten investiert man für diesen Studiengang bis zu 45 000 Dollar; ein Student in Stanford zahlt etwa 52 000 Dollar für zwei Semester – jährlich.

Zum Nachdenken und Nachrechnen lassen Sie uns einen Blick auf eine Äußerung von Professor Dieter Lenzen werfen. Er ist Präsident der Hamburger Universität. Man stellte ihm die Frage, ob das Streben nach Exzellenz an seiner Uni schon allein aus Budgetgründen ein mühsames, wenn nicht sogar müßiges Unterfangen sei. Lenzen rechnete darauf hin vor, dass die Budgets der amerikanischen Spitzenuniversitäten etwa das Zwanzigfache der Uni Hamburg betrügen. Und: Die US-Unis unterrichten nur etwa die Hälfte der Studierenden – gemessen an unseren Bildungseinrichtungen. Im Umkehrschluss stehen den Amerikanern also etwa 40 mal höhere Budgets zur Verfügung. Noch Fragen?

Nun wird es sicher auch in Hamburg schon den einen oder anderen Udacity-Studenten geben – aber: Man könnte ja auch einfach einmal in dieser Stadt anfangen, bildungspolitisch umzudenken, weiterzudenken, querzudenken. Und schließlich gelang es der finanziell gebeutelten Elbmetropole in den letzten Jahren auch immer wieder, knapp zwei Dutzend international renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für sich zu gewinnen und zumindest mittelfristig zu binden, wie zum Beispiel einen Kunsthistoriker aus Harvard und einen Physiker aus Oxford. Na, immerhin.