Innovation entsteht zwischen ☺ und ☹.

Froh zu sein bedarf es wenig – und wer froh ist, ist auch kreativer. Das stimmt wirklich: Wer glücklich ist, kann kreativer arbeiten. Unseren emotionalen Befindlichkeiten wird häufig immer noch zu wenig Bedeutung beigemessen – vor allem, was unsere Denk- und Arbeitsleistung betrifft. Dabei haben Stimmungen einen großen Einfluss auf das, was wir tun – und nicht zuletzt auf unsere kreativen Ergüsse. Forscher der Pennsylvania State University untersuchten die Wirkung von verschiedenen Emotionen, auf den Entstehungsprozess von Ideen. Dazu wurden die Probanden zunächst gebeten, sich an einen glücklichen Moment in ihrem Leben zu erinnern und davon zu erzählen; dann bekamen die Testpersonen die Aufgabe, so viele Dinge wie möglich aufzuschreiben, die ihrer Meinung nach fliegen könnten. Den gleichen Test wiederholte man mit einer anderen Gruppe, die man jedoch zunächst bat, sich auf einen besonders traurigen Moment in ihrer jüngsten Vergangenheit zu besinnen und ihn anschließend zu teilen.
Durchschnittlich hatten die glücklicheren Kandidaten etwa um 50 Prozent mehr Einfälle für Flugobjekte als die unglücklichen.

Auch Teresa Amabile von der Harvard University bestätigte mit ihren Untersuchungen den glücklichen Kreativitätsbooster.
Für diejenigen unter Ihnen, die gerade noch überlegen, warum der Name „Teresa Amabile“ ihnen so bekannt vorkommt: Vielleicht deshalb, weil Sie ein sehr aufmerksamer Zuhörer, beziehungsweise Leser, sind und Sie die Dame aus einer anderen Folge der Out of the Box-BOX erinnern: Sie war diejenige, die Mitarbeiter großer Unternehmen Tagebuch führen ließ und feststellte, dass das Thema „Geld“ in den Aufzeichnungen ihrer Probanden keine Rolle spielte; also keinen Anreiz fürs Kreativsein bilden kann.
Eine Analyse genau dieser Tagebucheinträge brachte jedenfalls auch ans Licht, dass die Leute viel häufiger bahnbrechende Idee hatten, wenn sie glücklich waren – selbst, wenn der Glücksmoment schon einige Zeit zurück lag.

Grund hierfür könnte der Anstieg des Glückshormons Dopamin im Gehirn des Glücklichen sein. Das Dopamin sorgt, vereinfacht ausgedrückt, dafür dass der Informationsfluss in allen anderen Teilen des Denkapparats funktioniert und auch zum Rest des Körpers weitergegeben wird.
Die wichtige Rolle, die der Dopaminspiegel für die Kreativität spielt, wird übrigens richtig deutlich, wenn einmal Mangel an dem glücklich machenden Botenstoff herrscht, wie beispielsweise bei Parkinson. Forscher an den Universitäten von Pennsylvania und Barcelona beobachteten, vollkommen unabhängig von einander, dass Parkinsonkranke in regelrechte Schaffensrauschzustände verfielen, wenn man sie mit einer Vorstufe des Dopamins medikamentös behandelte. Und auch bei Gesunden hängt die Kreativität nachweislich mit der Konzentration des Hormons im Gehirn zusammen, da es – so die Theorie der Wissenschaftler – die Flexibilität des Denkens multipliziert und ebenso den Drang verstärkt, sich künstlerisch, beziehungsweise kreativ, zu betätigen.

Wenn nun aber Hängeohrenzeit herrscht und jemand alles andere als glücklich ist, wird er Gehirnstoffwechselbedingt weniger in der Lage sein, kreativ zu denken. Stattdessen fixiert er sich auf Details und wird kaum Lösungsansätze entwickeln, für die er viel weiter denken müsste als von der Tapete bis zur Wand. Das mag jetzt sehr überspitzt klingen, aber schließlich veranschaulicht Übertreibung enorm ☺

Was kann man also tun, um die Stimmung hoch zu halten? Dr. Amantha Imber, Bestsellerautorin, Innovations-Psychologin und Gründerin von Inventium, einer internationalen Innovationsschmiede mit Sitz in Australien, weiß Rat: Bevor man mit einer Aufgabe beginnt, die voraussichtlich eine kreative Leistung von einem erfordern wird, sollte man sich an einen Moment erinnern, in dem man glücklich war. Im Weiteren könnte man probieren, seine Schaffensphasen auf seine Emotionen abzustimmen. Wenn ich also absehen kann, dass ich wahnsinnig froh sein werde, weil am Wochenende endlich ein Wiedersehen mit der Liebsten ansteht, kann ich mir meine Vorfreude zu nutze machen, indem ich sie als kreativgewordenen Denkansatz in meine Arbeit fließen lasse.
Unternehmen können dafür sogen, dass Ihre Mitarbeiter in einem Umfeld arbeiten, dass sie glücklich macht, beziehungsweise in einer Arbeitsumgebung, in die sie gerne kommen. Je mehr verschiedene Leute in einer Firma arbeiten, desto mehr Flexibilität ist also gefragt. Vielleicht kann auch die eine oder andere regelmäßig durchgeführte Umfrage helfen, allen, so weit es geht, gerecht zu werden.
Und vor Kreativ-Meetings und Workshops hat es sich als effektiv herausgestellt, wenn man die Teilnehmer in eine gute Ausgangsstimmung versetzt, indem man ihnen vorher zum Beispiel eine Folge einer gerade angesagten Comedy-Serie zeigt. Oder eben etwas anderes Lustiges – komische Versprecher bei der Tagesshow; Loriot-Sketche oder oder oder … Möglichkeiten gibt es genug. Man beachte bitte nur, dass Humor ein weites Feld ist, auf dem manchmal Tretminen liegen. Es empfiehlt sich also bei der Wahl des kurzweiligen Stimmungsmachers, ein wenig Fingerspitzengefühl für das Spaßempfinden der Belegschaft walten zu lassen.

Wo es eine These gibt, findet man häufig auch eine Antithese. Denn logisch: Man kann auch aus dem Unglücklichsein heraus Innovatives schaffen. Das beweisen allein schon zahlreiche Lieder, die Produkte von Liebesleid und Herzensschmerz sind.

Scott Barry Kaufmann, Psychologe an der University of New York forscht mit seinen Kollegen an einem Phänomen, das er als „Posttraumatisches Wachstum“ bezeichnet. Das klingt zunächst nach äußerst erschütternden Vorgängen, meint aber jene Entwicklungen, die wir durch Gegenschläge aller Art im Leben machen; Lebenskrisen als Kreativmacher – wenn man es so nennen will. Den Forschern zur Folge können die traumatischen Erfahrungen Menschen dazu bringen, zwischenmenschliche Beziehungen intensiver wahrzunehmen, das Leben an sich mehr zu schätzen, einen spirituellen Weg einzuschlagen, persönlich mehr Stärke zu entwickeln und neue Möglichkeiten in ihrer Existenz zu erkennen. Laut Kaufman nützten die Schicksalsschläge durchaus für einen Perspektivwechsel im Hinblick auf den Sinn des Lebens. Man würde quasi zum Umdenken gezwungen werden – und das sei sehr, sehr förderlich für die Kreativität.
Der Philosoph Wilhelm Schmid geht in seinem Gastbeitrag „Lernt, unglücklich zu sein!“ in der Süddeutschen Zeitung sogar so weit, zu behaupten, wir säßen heute noch auf den Bäumen, gäbe es nicht Unglück und Zufriedenheit, die einen in Gang brächten. Schließlich würden Glück und Zufriedenheit einen nur träge werden lassen, weil es keinen Anreiz gäbe den Status Quo zu verändern – man sei schließlich glücklich.

Was bedeutet dies nun für kreative Menschen, die für sich oder ihr Unternehmen Innovationen finden möchten? Es ist ein Spiegel des Lebens und des Alltags, den jeder von uns kennt: Scheitern gehört zum Leben dazu, macht einen Menschen eher unglücklich, aber klüger. Und wer klüger ist, weiß wieder mehr und kommt zu besseren Lösungen. Was dann wieder glücklich macht.

Outside the line: Irgendwie habe ich plötzlich das Titellied von Alfred Jodokus Quak im Kopf – einer Kinderserie aus den 90ern. Sollte Sie das Lied nicht fröhlich, sondern nervös machen: Sie wissen ja, wo der Stopp-Knopf ist.