Umwege, so sagt man, würden die Ortskenntnis erhöhen. Aber sie machen nicht nur das. Umwege auf dem Lebensweg können auch das kreative Vermögen ankurbeln. Zwar ist diese Sicht der Dinge noch nicht sehr alt, aber das gesellschaftliche Denken über biographische Ausreißer hat sich schon in den letzten Jahrzehnten durchaus und in fast allen Branchen sehr gewandelt. Zu Zeiten unserer Großeltern war es Gang und Gebe, dass der Schuster bei seinen Leisten blieb; und das nicht nur sprichwörtlich: Man lernte einen Beruf und übte diesen bis zur Pensionierung aus. Im allerbesten Fall war man auch noch zeitlebens bei derselben Firma beschäftigt. Wer dagegen seine Berufswahl noch ein- oder sogar zweimal überdachte, und eingetretene Pfade verließ, um beruflich zu neuen Ufern aufzubrechen, wurde häufig argwöhnisch betrachtet. Damals war es nicht gut, wenn der Lebenslauf nicht stringent war. Und heute? Inzwischen weiß man es in der Regel zu schätzen, wenn jemand im Laufe seiner Existenz schon über mehr als nur einen Tellerrand geschaut hat. Oft kommen solche Leute irgendwann auf ihrem beruflichen Weg an einen Punkt, an dem sie aus den gesammelten Zutaten ihr eigenes Süppchen kreieren – etwas ganz Neues. So entstehen Innovationen. Bas Kast nennt das in seinem Buch Und plötzlich macht es Klick! eine „hochqualifizierte Nische“, die nicht selten aus einer Kombination von Erfahrungen resultiert, die ein Mensch auf seiner „Job-Odyssee“ sammelt.

Um Ihnen zu verdeutlichen, was ich meine, habe ich ein paar Beispiele zusammengesucht. Bitte begleiten Sie mich auf einen kleinen Exkurs zum Thema Über Umwege die eigene Nische finden! Es ist schon verrückt, dass sogar manchmal findet, wer gar nicht sucht – oder weiß, was er eigentlich sucht. Und das Schicksal braucht manchmal schon sehr viel Geduld, bis so manch einer seine Berufung findet, also seine eigene kreative Nische entdeckt.

Ich beginne bei Steve Jobs, Godfather of Innovation. Die Nummer 1 unter den Innovatoren brach nach nur einem Semester Physik und Literaturwissenschaft sein Studium am Reed College ab. Danach besuchte er unter anderem Kurse für Kalligraphie und reiste munter durch Indien, wo er sich mit dem Hinduismus, dem Buddhismus und der Urschreitherapie auseinandersetzte. Später kam Jobs mit einem Freund irgendwie dahinter, dass Spielzeugpfeifen aus Frühstücksflockenverpackungen genau den gleichen Ton hervorbrachten, wie ihn der Telekommunikationskonzern AT&T zur Abrechnung von Gesprächsgebühren verwendete. Daraufhin bauten und verkauften die beiden jungen Männer eine Blue Box, die ihren Verwendern kostenlose Ferngespräche bescherte. In der elterlichen Garage wurde weitergeschraubt und der erste Apple Computer entstand (er soll seinen Namen übrigens den damaligen Ernährungsgewohnheiten seines Erschaffers verdanken, der seinerzeit strenger Frutarier (meint Früchte-Esser) war). Nach Apple kamen NeXT und Pixar und damit der erste computeranimierte Trickfilm, eine Kooperation mit Disney und der Börsengang. Nach seiner Rückkehr zu Apple hielt Jobs übrigens Einkehr ins Guinness-Buch der Rekorde als am schlechtesten bezahlter Geschäftsführer, mit einem Jahreseinkommen von 1 Dollar. Was noch oft als bahnbrechende Innovation von Steve Jobs gilt, sind aber die verschiedenen Schrifttypen, über die heute jeder Computer verfügt. Ob ihm diese Idee gekommen wäre ohne seinen Ausflug in die Welt der Kalligraphie? Wohl kaum. Durch die Überlappung von technischem und ästhetischem Anspruch fand Steve Jobs eine seiner kreativen Nischen.

Wenden wir uns einem weiteren Kandidaten zu: Albert Einstein. Er begann erst mit drei Jahren zu sprechen und wirkte in seiner Kindheit alles andere als irgendwie begnadet. Viel mehr fiel sein störrisches Wesen auf und es hieß, sein respektloses Verhalten würde sogar auf seine Mitschüler abfärben. Die Schule verließ er ohne Abschluss. Eine Bewerbung an der polytechnischen Schule in Zürich scheiterte. Einstein war ein echter Querdenker; galt auch im späteren Studium als ignorant und eigenwillig; er besuchte kaum Vorlesungen, weil er die Inhalte seiner Ausbildung zum Fachlehrer für Mathematik und Physik als zu abstrakt befand. Er arbeitete als Hauslehrer und auf dem Patentamt, und engagierte sich Zeit seines Lebens sehr für politische und gesellschaftliche Belange. Während seiner Arbeit auf dem Patentamt traf ihn dann der Geistesblitz in Form des Gedankens, dass eine Person im freien Fall ihr eigenes Gewicht nicht mehr spüre. Das war sozusagen der Anfang der Relativitätstheorie. Von dem Moment an konnte Einstein nicht mehr aufhören, nachzudenken. Daraus erwuchsen plötzlich sogar eine „große Hochachtung für die Mathematik“ und eine unbekannte Hartnäckigkeit. Einstein hatte unwissentlich seine Nische entdeckt und forschte bis zu seinem Lebensende unbeirrbar weiter – auch und erstrecht, als sein Freund und Kollege Max Planck ihm davon abriet: „Als alter Freund muss ich Ihnen davon abraten, weil Sie einerseits nicht durchkommen werden; und wenn Sie durchkommen, wird Ihnen niemand glauben.“

Ein sagenhaftes Kreativ-Nischen-Phänomen der Gegenwart ist Bobby Dekeyser. Ihn kennen vielleicht erst einmal nur die fußballbegeisterten, etwas Erfahreneren (um nicht „Älteren“ zu schreiben) unter uns. Aufgewachsen ist der ehemaligen Profifußballer quasi neben der Fabrik seiner Mutter; einem Unternehmen, in dem Kunststoffhenkel für Waschmittelboxen gefertigt wurden. Der junge Dekeyser hatte, so heißt es, nur drei Dinge im Kopf: Fußball, Fußball und Fußball. Nachdem er in einem Camp für Nachwuchsfußballer in New York die Fußballlegende Pelé getroffen hatte, schmiss der gerade mal 15-jährige die Schule hin, um Profifußballer zu werden. Denn Pelé riet ihm: „Folge Deinem Traum und es kann alles passieren“. Er ging seinen Weg, bis er wegen einer Verletzung im Krankenhaus landete. Schon vom Krankenbett aus gründete er ein Unternehmen und wandte sich neuen Projekten zu. Eine Idee: eine Art elegantes aber auch gleichermaßen robustes „Wohnzimmer für draußen“ zu schaffen. Gartenmöbel, die nicht bei dem kleinsten Tropfen Regen hektisch nach drinnen befördert werden müssen. Was lag näher, als den Stoff zum Flechten zu nehmen, aus dem Mami und Großvater seit Jahrzehnten Waschmittelboxhenkelträume (ein Wort für alle Menschen, die aus diesem Text einen Podcast machen wollen ;)) wahr werden ließen? Es dauerte noch etwas, aber heute ist DEDON international bekannt. Und sogar Hollywoodgrößen wie Brad Pitt warten geduldig 12 Monate auf ihre Gartenmöbel, die noch immer auf den Philippinen von den inzwischen rund 2.200 Angestellten Dekeysers gefertigt werden. Mit seiner Stiftung Dekeysers & Friends ermöglicht er jährlich knapp 100 Stipendiaten eine 1 Jahr lang dauernde Förderung, die dem Lebensmotto des Unternehmers folgt: „Lebenserfahrung statt Zeugnis“.

Zu guter Letzt möchte ich noch mich selbst als Beispiel für eine, meiner Meinung nach durchaus gelungene, Kombination an Erfahrungswerten anbringen: Für die Inhalte meiner Vorträge und Seminare verknüpfe ich Wissen und Erkenntnisse, die ich als ehemaliger Kreativdirektor in der Werbung gewonnen habe, mit meinen Erfahrungswerten als Moderator, TV-Format-Entwickler und Unternehmer. Dass ich auch noch Erfahrungen als Mitarbeiter eines Notariats, Kurierfahrer und Firmengründer mit einfließen lasse, erwähne ich nur nebenbei. Was das im Detail bedeutet, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber Sie können mich gerne buchen und/oder sich auf www.gerrietdanz.com umsehen. Jedenfalls hatte jede Erfahrung seinen Sinn –
selbst wenn ich ihn heute erst erkenne.

Zu guter Letzt: Vielleicht wird aus dem Geschilderten deutlich, dass Kreativität keine messbare Größe darstellt. Man kann sie nicht feststellen, wie beispielsweise den Intelligenzquotienten. Sie braucht viel mehr eine bestimmte Entfaltungsmöglichkeit.

Oder, mit den Worten von Steve Jobs: „Lass den Lärm anderer Leute Meinungen nicht deine eigene innere Stimme ertränken. Und am wichtigsten: Hab Mut, deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen. Irgendwie wissen sie bereits, was du wirklich willst. Alles andere ist sekundär.“