Mix den Cocktail für Geistesblitze

Früher brauchte es oft nur einen brillanten Kopf, ein Universalgenie, den einen großen Denker für eine bahnbrechende Idee. Aber nicht nur die Zeiten, sondern vor allem auch die Anforderungen haben sich geändert. In einer Gegenwart, in der es eigentlich schon alles gibt und schon so viel Innovationen stattgefunden haben, ist es viel schwieriger, das Rad neu zu erfinden. Schwieriger jedenfalls als, es beispielsweise noch zum Anfang der Industrialisierung war.

Schaut man sich die Innovationen der jüngsten Vergangenheit an, war daran immer mehr als ein Mensch beteiligt. Von Beginn an, dem ersten Kuss der Muse, dem Hauch einer ersten Idee über die Entwicklung bis zur Realisation. Es sind normalerweise Teams, die Neues hervorbringen. Nun stellt sich doch die Frage, wie so ein „Entdecker-Team“ idealerweise aufgebaut, beziehungsweise zusammengestellt sein sollte! Im Sport lässt es sich manchmal beobachten, dass eine Mannschaft, die nur aus den Besten einer Disziplin zusammengestellt wurde, als Team komplett versagt. Das bedeutet folglich, dass eine homogene Truppe aus Blitzmerkern nicht unmittelbar zum Erfolg führt.

Schauen wir einmal zu jemandem, der mit seiner Mitarbeiterauswahl immerhin so erfolgreich war, dass man ihm 2000 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verlieh: In New York lebt und wirkt eben dieser Nobelpreisträger und Neurowissenschaftler Eric Kandel. Der heute über 80-jährige hat übrigens vor ein paar Jahren ein herrliches Buch darüber geschrieben, was das Betrachten eines Kunstwerkes im menschlichen Gehirn für Reaktionen auslösen kann – unter anderem kann es nämlich der eigenen Kreativität auf die Sprünge helfen. Also nebenbei ein kleiner – gar nicht mal so themenferner – Tipp für alle, die gerade auf der Suche nach einer neuen Urlaubslektüre sind: Das Zeitalter der Erkenntnis von Eric Kandel.

Kandel wurde nach der Nobelpreisübergabe einmal gefragt, worauf er bei der Zusammenstellung seines Forscherteams geachtet hätte. Er antwortete, dass es ihm grundsätzlich wichtig sei, dass die Mitarbeiter etwas können, was er selbst nicht kann. Deshalb bräuchte er in seinen Arbeitskreisen auch keinen zweiten Hirnforscher. Das klingt für mich schon mal ziemlich plausibel.Wir merken uns also: Die Individuen eines (Kreativ-)Teams sollten qua Begabung und Spezialisierung unterschiedlich sein.

Darüber hinaus ist es natürlich nötig, dass sich die menschlichen Teilchen einer erfolgreichen Arbeitsgruppe untereinander austauschen, um effektiv etwas hervorzubringen. Eine Leistung, zu der ein Einzelner von ihnen allein nicht in der Lage gewesen wäre. Wer a-kommunikativ, eigenbrötlerisch, egoman oder narzisstisch veranlagt ist, wird demnach schon einmal von der Liste der potentiellen Kandidaten gestrichen. Wer für diese Behauptung mehr als den gesunden Menschenverstand zur Untermauerung braucht, kann sich die Studienergebnisse von Barbara Nevicka und ihren Kolleginnen von der Universität Amsterdam ansehen. Sie beweisen unter anderem, dass Führungspersönlichkeiten mit aufgeblähtem Ego die Kommunikationsbereitschaft in ihren Teams deutlich negativ beeinflussen. Ein zufriedenstellender Informationsfluss kommt unter ihnen schlichtweg nicht zustande. Also: Menschliche Grundvoraussetzung dafür, part of the team zu werden, sollte ein gewisses Maß an Sozialverträglichkeit sein. Plus: Der Wille und das Vermögen, sich inter-kollegial austauschen zu können.

Der Autor Bas Kast, der in seinen Werken „Menschheitsthemen wie Liebe, Intuition und Kreativität mit Hilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse“ unter die Lupe nimmt, schildert weitere Faktoren, die auf produktiv-kreativ in Gruppen zusammenarbeitende Menschen Einfluss haben: So sollen gemeinsam verbrachte Arbeitspausen sich positiv auswirken. Kast beschreibt ein Ritual, das im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin-Dahlem unter Gerd Gigerenzer fast allnachmittäglich stattfindet. Der Psychologe und Entscheidungsforscher etablierte in seinem Team eine Art „Four o’clock tea (or coffee) time“. Abwechselnd sorgen die Mitarbeiter für Gebäck und Gesprächsthemen. Einmal zeigt der eine Dias von seiner letzten Reise und liefert einen Reisebericht dazu; ein anderes Mal referiert jemand anderes über eines seiner Hobbys. Laut Gigerenzer ist es von essentieller Bedeutung, dass ein Chef dafür sorgt, dass seine Mitarbeiter zu einem zwanglosen Miteinander zusammenkommen. Seiner Meinung nach dienen solche informellen Treffen ungemein den formellen Kollaborationen der Arbeitswelt.

Dann wären da also noch die räumlichen Gegebenheiten, die den Output von Teams beeinflussen: Hat man die eben geschilderten informellen Treffen im Hinterkopf, ist es logisch, dass sich Mitglieder von Arbeitsgruppen nicht nur zu Kaffee und Plaudereinen über den Weg laufen. Ihre Bahnen sollten sich auch im restlichen Arbeitsalltag immer wieder kreuzen. Deswegen wäre es sinnvoll, Teams in einem Gebäude und auf der gleichen Etage unterzubringen. Im Idealfall gibt es die Architektur her, dass die Gänge großzügig geschnitten sind, also weite Korridore darstellen. Und zu guter Letzt ist Sichtkontakt zwischen den Menschen eine Austauschförderliche Maßnahme; das bedeutet eine klare Absage an verwinkelte Nischenbüros.

Eine meiner Lieblingsgeschichten im Zusammenhang mit dem Thema „architektonische Optimierung für den Austausch unter Mitarbeitern“ ist die Ein-Klo-Idee von Steve Jobs. Der Apple-Gründer hatte sich Ende der 1980’er Jahre ein Unternehmen gekauft, das etwa 10 Jahre später eine neue Firmenzentrale brauchte. Gut, ich will es nicht noch spannender machen: Es handelte sich um die Animationstraumfabrik Pixar, die ursprünglich aus ein paar Computer-Spezialisten bestand und nicht viel mehr produzierte als die Special-Effects für Star Wars Episoden (deswegen konnte Jobs die Firma wahrscheinlich auch für läppische 5 Millionen Dollar schießen, die ihn ein paar Jahre und eine Kooperation mit Disney später, mit Toy Story zum Milliardär machte). Das aber nur nebenbei. Das Unternehmen war also signifikant gewachsen und ein neues Gebäude musste her. Und auch Jobs war Anhänger der Theorie, dass die Architektur dafür Sorge tragen müsste, dass sich die Mitarbeiter immer wieder zwanglos begegnen konnten. Auch seiner Meinung nach ergibt sich Kreativität nämlich aus zufälligen Gesprächen: Jemand erzählt davon, was er gerade macht und schon kämen seinem Gesprächspartner von selbst die tollsten Einfälle. Cafeteria, Loungebereiche und ein Kinosaal mögen da die gängigsten Begegnungsstätten sein; und genau das war auch für den neuen Pixar-Sitz vorgesehen. Darüberhinaus hatte Jobs aber noch die Idee, auch den letzten Mitarbeiter, der sich vielleicht für Kaffee, Kino und Kulissen nicht begeistert, in die Kommunikationsfalle zu locken. Der Geistesblitz: er wollte für das gesamte Gebäude nur einen einzigen Sanitärbereich bauen lassen. „Auf’s Klo muss schließlich jeder mal, so kriege ich sie alle“, mag er sich gedacht haben. Am Ende muss aber irgendjemand doch noch sein Veto eingelegt haben, denn es gibt heute definitiv mehr als einen WC-Bereich in dem Gebäude in Kalifornien. Und übrigens tut dieser Umstand dem unbestritten kommunikationsfördernden Haus in keinster Weise einen Abbruch – und, wer weiß, vielleicht wäre es ja auch zu viel des Guten, wenn man nicht einmal auf dem Klo seine Ruhe hat.