Per Flow zum Ideen-Überflieger.

Haben Sie schon einmal vom Sputnik-Schock gehört? Es handelt sich dabei um das bestimmt nicht sehr angenehme Gefühl, dass sich am 04. Oktober 1957 in den Reihen der amerikanischen Regierung breit machte, als die Russen – genauer und zeitgenössischer ausgedrückt: die damalige Sowjetunion – den weltweit ersten Satelliten auf seine Umlaufbahn schickte.Damit aber nicht genug: Schmachvoller Weise für die westliche Supermacht USA hatte die Weltraumkonkurrenz im Osten die Reisepläne für den kleinen Sputnik sogar Monate im Vorfeld angekündigt – man hatte ihnen dummerweise nur keinen Glauben geschenkt.

Und weil das Verdutzen der Amerikaner Herrn Chruschtschow offenbar in Verzückung geraten ließ, setzte er gleich noch mal eins obendrauf und verabschiedete Sputnik Zwei ins All, noch bevor überhaupt der Ansatz einer amerikanische Antwort auf die vorangegangene Satellitenpremiere hatte erfolgen können.

Warum erzähle ich Ihnen diese kleine Geschichte? Schließlich ist das längst kalter Krieg … äh, Kaffee! Es ist aber auch noch etwas anderes als das und zwar der Startschuss für die Entwicklung der zahlreichen Kreativitätstechniken, die wir heute noch benutzen. Sputnik 1 war der Satellit gewordene Beweis, dass die Amerikaner nicht selbstverständlich die führende Weltmacht in Sachen Technologie und Wissenschaft waren und bleiben mussten. Plötzlich war klar, dass dringend innovative, kreative, originelle Köpfe von Nöten waren, wollte man dem Höhenflug der Sowjetunion adäquat begegnen. Umgehend wurden diverse Programme ins Leben gerufen, um kreative, innovative Menschen zu finden und entsprechend zu fördern.

Die erwähnten Kreativ-Techniken gibt es noch immer zuhauf. Einige von ihnen werden heute noch beinahe unverändert eingesetzt. Andere wurden weiter entwickelt. Und gänzlich Neue wurden erdacht; wieder andere inzwischen als gar nicht unbedingt sooo förderlich für das Hervorbringen von Ideen erkannt.

Auch in den Anfängen der Innovationsforschung träumte man bestimmt schon von dem berühmten Schaffensrausch, den lange nur einzelne Künstler, wie Komponisten oder Maler, beschrieben – und von dem man lange nicht so genau wusste, ob man ihn vielleicht nicht auch als pathologisch einstufen sollte oder jedenfalls als bedenklich. Die Rede ist von einer Art Ekstase; einem Schaffensrausch, der denjenigen, dem es gelingt, dermaßen tief in ein Thema/ein Projekt/eine Arbeit einzutauchen, das Gefühl für Raum und Zeit, Gedanken an den Alltag und sogar Hunger vollkommen vergessen lässt.

Mihály Csíkszentmihályi*, emeritierter Professor für Psychologie an der Universität von Chicago und Autor, nennt dieses Phänomen übersetzt das „Flow-Erleben“. Mir ist dies gerade fast schon beim Schreiben seines außergewöhnlichen Namens passiert. Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass Csíkszentmihályi nicht der erste Wissenschaftler war, der sich beruflich mit dem beschäftigte, was sein Vorgänger Kurt Hahn als „schöpferische Leidenschaft“ bezeichnete, Maria Montessori mit „Polarisation der Aufmerksamkeit“ benannte und Abraham Maslow zur „peak experience“ erklärte.

Zurück zum einzigen der Rausch-Erforscher, der noch lebt: Der Mann mit dem komplizierten Nachnamen, Mihály Csíkszentmihályi beschrieb 2004 in einem TED-Talk die schaffende Ekstase als einen mentaler Zustand, in dem man die Welt um sich herum vergäße. Man blende einfach alles andere aus und befände sich in einer Art alternativen Realität. Dieses Flow-Erlebnis sei so intensiv, das es sich anfühle, als würde man aufhören zu existieren.

Das menschliche Nervensystem kann nicht mehr als etwa 110 Bits pro Sekunde an Informationen aufnehmen und verwerten; wer also konzentriert einem spannenden Vortrag lauscht, verbraucht schon etwa 60 Bits in der Sekunde. Deswegen sind wir auch nicht in der Lage, mehr als zwei Menschen zur gleichen Zeit zuzuhören, die auf uns einreden – oft ist es schon schwierig genug mit einem!
Wer sich tief in einen kreativen Prozess begibt, hat schlichtweg nicht mehr genügend Aufmerksamkeit für irgendwelche physischen Signale seines Körpers übrig, wie Hunger oder Müdigkeit. Es sind keine Kapazitäten mehr frei. Es sei, als wäre man körper- und nahezu identitätslos. Manche Menschen beschreiben diesen Zustand mit den Worten: „Es ist, als würde alles von selbst gehen, als flössen die Worte nur so aus mir heraus.“

Man könne, so Csíkszentmihályi, einen Flow erreichen, wenn man etwas trainiere, sich spezielle Techniken zulege. Die Forschung sagt, dass man etwa zehn Jahre lang üben muss, bevor sich solche Zustände einstellen – zumindest, wenn man nichts geringeres möchte, als eine Oper zu komponieren oder ein Gemälde von Weltruf zu schaffen. Bei weniger ambitionierten Zielen, oder besser gesagt mehr alltäglichen Kreativleistungen, wären ein paar Dinge schon mal eine gute Voraussetzung: Nämlich, dass man wirklich glücklich mit dem ist, was man tut. Dass man neugierig bleibt, dass man sich darüber klar wird, woran das eigene Herzblut klebt. Was treibt einen und welche Unternehmen faszinieren einen? Und weswegen? Was wäre so absurd daran, sich dort zu bewerben? (Vorausgesetzt man arbeitet dort noch nicht, natürlich.)
Ein kluger Mann sagte einmal: „Du hat nur EINE Chance, die etwa 70 bis 90 Jahre dauert – es wäre dumm, sie nicht zu nutzen!“ Diese Aussage lässt sich vom gesamten Leben, ohne Weiteres auch auf das berufliche Wirken eines jeden, übertragen. Wir verbringen alle sehr viel Zeit mit unserem Job, dann sollte er uns in irgendeiner Hinsicht schon erfüllen.
Das klingt vielleicht etwas biologisch abbaubar, aber es ist etwas Wahres dran. Dazu Masaru Ibuka, der vor 70 Jahren mit sehr wenig Geld und einem Freund das Unternehmen Sony Corporation gründete, über „The first purposes of Incorporation of Sony“: „To establish a place of work where engineers can feel the joy of technological innovation, be aware of their mission to society, an work to their heart’s content.“
Ein schönes Beispiel dafür, wie ein Flow auf den Arbeitsplatz übertragbar ist.

Laut Csíkszentmihályi kann man sich in einen flow-artigen Zustand bringen, indem man sich immer wieder neue Ziele setzt: Nicht zu einfach, weil man sich sonst langweilt, und nicht zu herausfordernd, weil Frustration sonst vorprogrammiert ist. Stattdessen sollte man die Intensität und Aufgabenstellungen langsam hochfahren und sich selbst in einer Art „Kreativitätskorsett“ bewegen. Wissenschaftler fanden nämlich schon Anfang des Jahrtausends heraus, dass weiße Blätter (beziehungsweiße leere Folien) und eine Alles-kann-nichts-muss-Devise den kreativen Output gar nicht so beflügeln, wie man vielleicht zunächst denken könnte. Ganz im Gegenteil.
Man hatte in einer Studie zwei verschiedene Gruppen von Probanden gebildet und mit LEGO™ Steinen ausgerüstet. Die erste Gruppe bekam keine Vorgaben; sie sollte mit den Steinen bauen, was immer sie wollte. Gruppe Zwei dagegen bekam einige „Bauauflagen“; so sollte sie beispielsweise nur eine ganz bestimmte Sorte der bunten Steine für ihr Werk benutzen und keine rechtwinkligen Ecksteine („Dreier“, für die LEGO™-Kenner unter uns). Das, was die „beschränkten“ Baumeister produzierten, wurde hernach von den Forschern als deutlich kreativer bewertet, als das was die „Freestyler“ ablieferten.

Je nachdem, was man austüffteln soll, kann eine Einschränkung zum Beispiel aus einer Zielgruppe, einem Material, einem Zweck oder oder oder bestehen. Probieren Sie es einfach einmal aus!

Schon bei kleinen Kindern kann man übrigens beobachten, dass sie kreativ werden, wenn man sie mit relativ wenig Spielzeug ausstattet; oder ihnen nur ein paar wenige Alltagsgegenständen aus der Küche, beispielsweise einen Schneebesen und einen Kochtopf gibt. Oft können sie sich stundenlang damit beschäftigen und entdecken immer wieder neue Einsatzmöglichkeiten im Spiel.

Den kleinen und den großen, den jungen und den junggebliebenen Kreativen wünsche ich viel Spaß beim Ideenproduzieren – ach, da fällt mir noch eine Geschichte ein: Der Samba wurde angeblich entwickelt, weil die Sklaven auf den Baumwollfeldern trotz der Ketten um ihre Fuß- und Handgelenke tanzten. Sie erfanden einen Tanz im Rahmen ihrer Möglichkeiten – und buchstäblich in ihren Fesseln.

* Hier ein Tutorial, für alle, die diesen zungenbrechenden Namen korrekt aussprechen wollen.