Wer gut bescheißt, hat bessere Ideen.

Über die dunkle Seite der Kreativität. Die guten Nachrichten zuerst: Im Grunde halten wir Deutschen uns im Großen und Ganzen schon für kreativ – und sind mit Franzosen und Briten in bester Gesellschaft: Laut einer Bertelsmann-Studie betrachten sich 65 Prozent der Inselbewohner, 70 Prozent im Land des Savoir Vivre und 72 Prozent der Menschen hierzulande als „kreative Person“. Als effektivste Inspirationsquellen wurden länderübergreifend und übereinstimmend das Fernsehen, Bücher, Zeitungen, Magazine, Musik und Spiele angeführt. Und was meinen Sie, wie viele der Befragten ihre Kreativität im Internet ausleben, also zum Beispiel auch im Bereich der Social Media? Ich muss sagen, dass es mich überraschte, dass es lediglich ein Viertel war; ich hätte mit deutlich mehr gerechnet.

Auch das kollegiale Umfeld beeinflusst unseren „Status Kreativitatae“, ohne dass wir selbst in erster Instanz etwas dazu tun müssten: Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) fand unlängst heraus, das Unternehmen, die ihre Mitarbeiter aus verschiedenen Kulturkreisen rekrutieren, deutlich häufiger neue oder verbesserte Produkte auf den Markt bringen. Vielleicht ein Grund von vielen, weswegen hierzulade bereits jede fünfte Firma eine internationale Mitarbeiterschaft als wichtigen Bestandteil der Unternehmenskultur angibt.

So weit, so gut, aber wo Licht ist, ist auch Schatten: Neulich stieß ich beim Blättern im FOCUS auf einen Zwischenruf vom Kollegen Vince Ebert, seines Zeichens Physiker, Wissenschafts-Kabarettist, Speaker und Moderator. Der Artikel ließ mich gleichermaßen schmunzeln und nachdenklich werden; sein Titel lautete „Querdenker unerwünscht“. „Wie nun?“ fragte ich mich, „…alle – inklusive meiner eigenen Personen – reden doch ständig davon, wie sehr das Querdenkertum gefragt ist. Ich mache mir Gedanken dazu, mit welchen Techniken man die eigene Hirnmasse dazu bewegen kann, nicht nur quer zu denken, sondern möglichst auch um die Ecke. Mit dem Ergebnis, dass dabei etwas Neues entsteht…“ Ja, diesem Ansatz folgt auch der Vince, um dann aber auf amüsante Art und Weise einmal genau hinzusehen und festzustellen, dass Querdenker-Wasserpredigen zwar das eine sei, JaSager-Weinsaufen aber eben die Kehrseite der Medaille. Er verweist auf Unternehmen, die laut ihren Stellenbeschreibungen zwar gerne nach Querköpfen suchen, dabei aber vergessen, was oder wen sie sich damit an Bord holen: Querdenker sind Vieles, aber keine stromlinienförmigen Ja-Sager. Sie sind unbequem und haben auf den alltäglichen Trott oftmals die Wirkung eines aufgebrachten Hornissenschwarmes. Wo läge sonst auch der Sinn Ihres Querdenkens? Natürlich sprengen sie den Rahmen – aber will man das wirklich? Dann muss man sich am Ende, oder besser für den Anfang einer Neuausrichtung, nämlich selbst bewegen! Allein mit „Querdenkenlassen“ lässt sich kein Blumentopf gewinnen.

Eine gute Freundin hatte vor einem guten Jahrzehnt das Vergnügen einen „native Querdenker“ zur Welt zu bringen. Sie können mir glauben, dieses Kind ist für seine Erziehungsberechtigten und Lehrer eine Herausforderung. Es hinterfragt alles und nimmt erst einmal nichts als gegeben hin. Gibt es dafür Beifall oder gar Fleißpunkte? Sagen wir mal: Äußerst bedingt; eher nicht. Ebert bringt es ziemlich unverblümt mit folgenden Worten auf den Punkt: „Wir alle lieben den schrulligen Querdenker – aber erst, wenn er seit mindestens 50 Jahren tot ist.“ Das hat er übrigens gemeinsam mit unzähligen Künstlern, deren Leistungen zu ihren Lebzeiten nicht anerkannt wurden und die stattdessen in irgendwelchen Anstalten landeten. Wussten Sie beispielsweise, dass Der Schrei von Edvard Munch eine psychotische Wahnvorstellung des Künstlers war? Im Grunde hatte die Nachwelt Glück, dass das Werk nicht als Produkt einer Therapiestunde „Freies Gestalten“ in irgendeiner Ablage gelandet ist. Aber gut, das ist ein anderes Thema.

Es sollte also klar sein, dass Innovationsprozesse nichts für Menschen und Unternehmen mit Neuschnupfen sind. Wem also allergische Tränen in die Augen schießen, sobald Dinge wie Um-, Neu-, Weiter- oder Querdenken in den Sinn kommen, macht besser beizeiten mal eine Desensibilisierungskur (zum Beispiel in einem meiner Vorträge oder auch bei einem meiner geschätzten Kollegen). Echte Querdenker sind nicht angenehm, taugen nicht zu „Everybodys Darling“ und gehen auch nicht des lieben Friedens Willen auf inhaltlichen Kuschelkurs mit Kollegen und Vorgesetzten. Dafür sind sie einfach nicht da. Beruhigend zu wissen, dass das ganze Generve am Ende natürlich einen Sinn erfüllt und etwas Neues entsteht, was letztlich allen zu Gute kommt.

Wer sich in diese These eindenken kann, betrachtet vielleicht auch verlogene Kollegen fortan mit neuen Augen: Sie leisten nämlich unter Umständen kreativ wirklich etwas (denn auf Unwahrheiten muss man ja erst einmal kommen!) und tendieren eventuell auch genau deswegen zum flexibleren Umgang mit der Wahrheit. Dass, wer gut lügen will, einigermaßen kreativ sein muss, dürfte jedem klar sein. Egal, ob es dabei um einen Seitensprung geht, der vertuscht werden will; ein Kompliment über eine neue Frisur, die in Wirklichkeit einem Vogelnest ähnelt oder auch nur die abenteuerliche Erklärung des Nachwuchses, wie die Schokolade aus dem Kühlschrank verschwunden ist: Gut gelogen ist halb geglaubt! Francesca Gino von der Harvard University und Scott Wiltermuth von der University of Southern California fanden heraus, dass auch andersherum ein Schuh draus wird: Die Psychologen veröffentlichten auf Psychological Science Online eine Studie, der zur Folge Menschen, die flunkern, lügen und mogeln in anschließenden Kreativitätstest durch die Bank besser abschnitten, als Probanden, die bei der Wahrheit blieben und ehrlich spielten. MACHT Lügen demnach kreativ?

Die Forscher hatten in ihrem Experiment den Probanden Geldpreise für richtige Lösungen in einem Rechentest in Aussicht gestellt. Je mehr Richtige, desto mehr Geld gab es – wie viele richtige Antworten sie aber gegeben hatten, mussten die Probanden den Versuchsleitern selbst sagen. Die Aufgaben wurden beispielsweise zu Hause gelöst – die Versuchspersonen konnten also davon ausgehen, dass die Studienleiter ihnen glauben mussten. Wie Sie merken, sollte dieser Versuchsaufbau die Leute zum Übertreiben animieren, um eine möglichst hohe Belohnung einzustreichen. Knapp 60 Prozent der Teilnehmer flunkerten tatsächlich und gaben an, mehr Aufgaben richtig gelöst zu haben, als es in Wirklichkeit der Fall war. An diesen ersten Teil der Studie schloss sich ein zweiter, in dem die Probanden Assoziationstests absolvieren mussten. Und siehe da: Wer zuvor getrickst, und die Unwahrheit gesagt hatte, erzielte nun deutlich kreative Ergebnisse. Selbstverständlich wiederholten die Forscher die Untersuchung in verschiedenen Anordnungen diverse Male – und fanden ihre Annahme immer wieder bestätigt: Wer vor der Kreativaufgabe log, löste sie erfolgreicher, mit ungewöhnlicheren Antworten.
Die Erklärung liegt für die Wissenschaftler darin begründet, dass sich das Gehirn beim Lügen über moralische Grenzen hinwegbewegt und genau dieses „Über-den-Tellerrand-Denken“ passiert bei kreativen Prozessen auch. Beim Lügen und beim Kreativsein werden also im gewissen Sinne gleichermaßen Konventionen durchbrochen und das eine bildet ein hervorragendes Warming-Up für das andere. Lügen haben folglich nicht nur kurze Beine sondern doch auch kreatives Potential. Na bitte. Das Schöne: Man kann sich ja jeden Tag neu entscheiden, wohin mit seinem kreativen Talent: Vielleicht eher die Welt retten, als sie zu veräppeln.