CI, die Corporate Identity ist wohl längst ein gängiger Begriff. Es bezeichnet das wiedererkennbar Äußere einer Marke. Und auch Ausdrücke wie Corporate Governance oder Corporate Affairs kann man herleiten: Ersteres bezeichnet laut Web-Definition „den Ordnungsrahmen für Leitung und Überwachung von Unternehmen“. Corporate Affairs sind zunächst einmal, alle Unternehmensangelegenheiten und im Besonderen dann noch einmal die Abteilungen eines Unternehmens, die sich mit der Image-Bildung beschäftigen. Herrlich, „Facility Management“ klingt ja auch besser als „Raumpflege“. Und alles, was ein „Corporate“ enthält bekommt schon mal eindeutig einen guten Klang und mehr Gewicht. Darum soll es in diesem Artikel aber gar nicht gehen. Vielmehr soll er von dem Begriff Corporate Creativity handeln und einer engen Verwandten, nämlich der Innovationskultur. Aber was ist Corporate Creativity eigentlich? Sie ist ein Aspekt der Unternehmensführung, der sich damit beschäftigt alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen und Voraussetzungen zu schaffen, die das kreative Potential einer Firma vergrößern. Letztlich wird so Innovationskraft mobilisiert. Ziel ist es, das ganze Unternehmen perspektivisch wirtschaftlich zu stärken und zukunftstauglich zu halten. Wer nicht aussterben will, sollte sich weiterentwickeln und im besten Fall sogar seiner Zeit immer ein kleines bisschen voraussein. Denken Sie an die Nicht-Strategie der Dinosaurier – und machen Sie es am besten anders.

Laut einer Studie von IBM aus dem Jahr 2010 hielten schon „damals“ knappe 80 Prozent der befragten Führungskräfte Kreativität eindeutig für den größten bestimmenden Faktor, wenn ein Unternehmen langfristig erfolgreich bleiben soll. Wie sie diese Kreativität aber in ihren Firmen, also bei ihren Mitarbeitern, generieren sollten – davon hatten sie keine Ahnung. Passend dazu bescheinigte Alan G. Robinson von der University of Massachusetts tatsächlich ein massives Wissensdefizit auf Managementebene, wenn es um das Fördern und Fordern von Kreativität geht. Sie wollen alle, aber können?

Bevor ich zu dazu komme, wie Sie selbst effektiv kreativitätsfördernde Maßnahmen ergreifen können, möchte ich noch ein Lob an die Handelshochschule Leipzig loswerden, die seit Ende 2007 tatsächlich das Lehrgebiet Corporate Creativity im Rahmen des MBA-Curriculums eingeführt hat. Hier wird also von vornherein gelehrt und gelernt, wie Führungskräfte dabei unterstützt werden können, eine kreative Unternehmenskultur zu entwickeln und zu etablieren.

Kreativität ist, wie schon in anderen Artikeln hinlänglich erörtert, nicht nur wenigen Ausnahmetalenten oder vom Schicksal Beschenkten vorbehalten, sondern eine Fähigkeit, die eigentlich jeder Mensch entwickeln kann. Ganz gleichgültig, wie analytisch-strategisch jemand von Haus aus auch sein möge. Wir alle können kreativ sein. Es braucht allerdings eine Arbeitsumgebung und noch ein paar andere Voraussetzungen, die inspirierend und stimulierend auf Kreativprozesse wirken. Fangen wir mal ganz vorne an: 2012 meinte Catherine Courage, Senior Vice Präsident bei Citrix in Ihrem ihrem TEDx Kyoto Talk, dass Kreativität als Gabe zwar jedem zur Verfügung steht, aber nur von verhältnismäßig wenigen in Anspruch genommen würde. Hätte man erst einmal eingesehen, dass man kreativ ist, könnte man sich auch besser darauf konzentrieren, seine Kreativität zu entwickeln.

Schon Pablo Picasso sagte, dass jedes Kind kreativ sei. Das Problem bestünde nur darin, es auch zu bleiben, während man erwachsen wird. Kinder sind von Natur aus neugierig. Wer selbst welche hat, kennt das Loch im Bauch, das Kinderfragen einem häufig bescheren. Wussten Sie, dass ein Grundschüler im Durchschnitt 100 Fragen am Tag stellt? Diese inquisitorischen Fähigkeiten können einen – zugegeben – schon mal an den Rand des Wahnsinns treiben. Dazu eine nette Geschichte, die ich neulich im Supermarkt belauschte: Kind feuert Maschinengewehrartige Frage-Salven auf seine Mutter ab und stellt auch die Antworten sofort wieder in Frage. Die Mutter, schließlich auch auf das Einkaufen und die Kommunikation mit der Fleischwarenfachkraft konzentriert, beschränkt sich irgendwann auf die Antwort: „Isso.“ Worauf die Nachzucht weiterfragt: „Und ist „isso“ jetzt wieder die Abkürzung für „Ich schrei’ sonst“? Süß, die Kleinen! Aber das nur nebenbei. Die eigentliche Frage ist doch, wie viele Fragen stellen Sie im Arbeitsalltag? Oder wie viele stellt man Ihnen? Und wie denken Sie eigentlich über Mitarbeiter und Kollegen, die viel fragen? Bleiben Sie neugierig und freuen Sie sich einfach über Menschen, die Sie hinterfragen (auch, wenn sie nerven).

Zurück in die Vergangenheit und dem, was wir heute aus ihr ziehen können, um unsere Kreativität in Schwung zu bringen. Wir müssen anfangen, die Möglichkeiten zu entdecken und den Status Quo herauszufordern. So, wie Eltern die Ideen und Fantasien ihrer Kinder unterstützen, können wir unseren Arbeitsplatz so gestalten, dass er eine gute Voraussetzung ist – für alles, was wir (er)schaffen wollen. Zunächst sollte die Umgebung inspirierend sein. Sehen Sie sich einmal an ihrem Arbeitsplatz um! Wie sieht es dort aus? In den meisten Fällen leider trist (und nein, ein 15 Jahre alter Ficus Benjamini zählt nicht als Inspirationsquelle). Wie sah es dagegen im Kindergarten aus? Genau, es gab eine Vielzahl von Möglichkeiten: Puppenecke, Lesekreis, Puzzles, Knetgummi, vielleicht sogar eine Küchenzeile, die zum Spielen benutzt werden konnte. Eine Tafel? Stifte und Papier auf jeden Fall. Tuschsachen. Vielleicht konnten Sie sogar rausgehen und auf Bäume klettern, wenn Ihnen danach war. Es war auf jeden Fall ein heller, bunter Raum voll Möglichkeiten und Energie, der Sie damals umgab.
Zum Glück begreifen immer mehr Unternehmen die Relevanz der Arbeitsumgebung und gehen dazu über, ihre Räume kreativitätsfördernd zu gestalten. Ein schönes Beispiel findet sich im Google-Quartier in Zürich: Hier befördert eine Rutsche die Mitarbeiter in die Kantine. Die Arbeitsumgebung schafft die Basis für das Entstehen von Kreativität.

Experimentieren Sie und probieren Sie mal etwas Neues aus! Wer ständig Dinge wie Effizienz und definierte Prozesse im Kopf hat, kann nicht frei genug sein, um kreativ zu werden! Stattdessen macht sich Angst vorm Scheitern breit. Und jeder macht wieder alles so, wie er es schon tausend Male gemacht hat. Dabei können keine Innovationen herauskommen. Es gibt in den meisten Fällen nicht nur den einen richtigen Weg, etwas zu erledigen, sondern unzählige Möglichkeiten. Und wenn mal etwas daneben geht? Dann ist es einfach ein Teil des Schaffens und nicht weiter schlimm. Erinnern Sie sich bitte noch einmal an Ihre Kindheit, in der Sie ganz bestimmt Dinge ausprobierten und es immer wieder in Kauf nahmen, auch mal zu scheitern. Diese Haltung gilt es, zurückzubekommen. Zur Motivation gleich noch ein paar Erfolgsgeschichten zum Thema „Scheitern“: In den 1930er Jahren versuchte die Firma Beiersdorf in Hamburg, einen hautverträglichen Klebstoff für Pflaster zu entwickeln. Der Kleber geriet leider zu fest und so entschloss man sich kurzerhand, aus der Masse Gewebeband herzustellen. Als Trägermaterial hatte man wohl gerade Zellophan zur Hand – und so entstand der Klebestreifen, den man heute auch oft mit dem Markennamen „Tesa“ nennt. Die Geschichte vom Post-It ist übrigens ganz ähnlich. Da lag der Kleber, den man rückstandslos wieder entfernen konnte, bloß erst einmal knapp 10 Jahre im Schrank, bis irgendjemand darauf kam, dann man damit das Problem der umherfliegenden Lesezeichen in den Griff kriegen könnte (wenn er sonst schon zu nichts taugte). Zu guter Letzt noch eine Scheiter-Geschichte, der manche von uns sogar ihr Leben verdanken: Alexander Flemming, seines Zeichen Bakteriologe aus Schottland, vergaß im Sommer 1928 seine Proben im Labor. Pilzsporen setzten sich auf die Bakterienkultur und sie verschimmelte. Bei seiner Rückkehr entdeckte der Forscher, dass der Schimmel die Bakterien vernichtet hatte. Und aus diesem Stoff, der so eindrucksvoll wie unaufgeregt seine antibakterielle Wirkung gezeigt hatte, entwickelten Flemmings Kollegen das Penicillin.

Ein guter Weg, etwas zu testen, auszuprobieren und gegebenenfalls zu verbessern sind Prototypen, die man Testkunden, also Versuchskaninchen zum ausprobieren gibt. Und wenn sie nicht funktionieren oder sich als überflüssig oder gar nutzlos erweisen? Dann schmeißt man sie eben weg. Oder lässt sie in einer Schublade schmoren, bis die Zeit vielleicht doch noch reif wird. Und bitte werfen Sie Ihren urdeutschen Anspruch an Perfektion über Bord! Ein Prototyp ist keine ausgeklügelte Miniaturausgabe der späteren Erfindung, sondern ein spielerisches Modell!

Wie die verschiedenen Aspekte der Corporate Creativity zeigen, genügt es nicht, eine Abteilung oder einzelne Mitarbeiter damit zu beauftragen, für ein Unternehmen einen Kreativgeist zu entwickeln. Corporate Creativity muss auf allen Ebenen und in allen Strukturen gelebt werden. Täglich und kompromisslos.